Wettbewerb Neubau Wilhelmsbrücke Stuttgart Bad Cannstatt

Im Zuge der umfassenden Transformation des Neckar-Knies von einer industriell geprägten Durchgangszone zu einem vielfältig nutzbaren, öffentlich zugänglichen Stadtraum verändert sich auch die Rolle der Wilhelmsbrücke grundlegend. Neben dem Erhalt als technisches Querungsbauwerk wird sie zugleich zu einem Ort des Aufenthalts, der Verbindung und des räumlichen Ausdrucks. Die Brücke wird nicht mehr als rein funktionales Infrastrukturelement verstanden, sondern selbst Teil einer lebendigen Stadtlandschaft über dem Wasser.

Die Linienführung folgt weiterhin der sinnvollen Verlängerung der Markstraße und verknüpft Cannstatter Altstadt, Uferbereiche und Neckarvorstadt auf direktem Wege. In ihrer Mitte jedoch erfährt die Brücke eine prägnante Aufweitung: ein räumlich klar gefasster Freiraum entsteht, der sich visuell in Richtung Schloss Rosenstein öffnet. Diese zentrale Öffnung ist städtebaulich gesetzt – als markantes Gelenk, das Blickbeziehungen ermöglicht und gleichzeitig einen Ort schafft, an dem sich das urbane Leben auf der Brücke verdichten kann.
Die Gestaltung dieses Raums folgt einer subtilen topografischen Modellierung: Eine abgetreppte Landschaft mit begehbaren Holzstufen entsteht – nicht als aufgesetzte Möblierung, sondern als integraler Bestandteil des Tragwerks. Die horizontale Fläche wird hier zur vertikalen Zone der Begegnung. Auf mehreren Ebenen lädt sie zum Sitzen, Liegen, Beobachten und Innehalten ein – ohne den Bewegungsfluss für Fußgänger oder Radfahrer zu stören.
Barrierefreiheit wird dabei selbstverständlich mitgedacht: Fußgänger und mobilitätseingeschränkte Menschen profitieren von durchgängig flachen Übergängen und klaren Wegführungen. Für Radfahrende wird eine leicht geneigte Rampe angeboten, die ein dynamisches Queren ermöglicht und gleichzeitig einen erhöhten Ausblick über den zentralen Aufenthaltsraum hinweg schafft. Erst die Kombination dieser Höhenstaffelung mit einem präzise geführten Tragwerk ermöglicht ein leistungsfähiges Brückendeck, das alle Anforderungen an Statik, Barrierefreiheit und städtische Aufenthaltsqualität vereint – bei gleichzeitiger Einhaltung des notwendigen Lichtraumprofils.
Die entstehende Brückenterrasse wird mit heimischer Eiche belegt, was nicht nur für Langlebigkeit und angenehme Haptik sorgt, sondern auch die atmosphärische Wirkung des Ortes unterstreicht. Diese Mitte bildet das Herz eines dreiteiligen Ensembles: Ergänzt wird sie durch flankierende Aufenthaltszonen an beiden Neckarufern. Es entstehen drei klar voneinander differenzierte, aber miteinander kommunizierende Freiraumbereiche, die sich flexibel bespielen lassen. Neben Alltagsnutzung wie Verweilen, Warten, Lesen oder Begegnung sind auch temporäre Nutzungen denkbar – von kleinen Konzerten bis hin zu einer schwimmenden Bühne als moderne Interpretation eines urbanen Amphitheaters.
Ein zentrales Element des Entwurfs ist die additive Begrünung des Brückendecks. Das verwendete Pflanzsystem basiert auf einem mineralischen Substrataufbau mit integriertem Wasserspeicher, ist pflegearm und für den wind- und hitzeexponierten Stadtkontext bestens geeignet. Damit wird auch auf der Brücke sichtbar, was stadtweit angestrebt wird: ein zukunftsfähiger Umgang mit dem Stadtraum unter den Bedingungen des Klimawandels.
Die bauliche Struktur der Brücke bleibt dabei bewusst lesbar und übernimmt gleichzeitig eine zurückhaltende Form der Signifikanz. Die polygonale Geometrie des Stahltragwerks verweist in ihrer Silhouette auf die Giebelformen der angrenzenden Altstadthäuser – ohne diese direkt zu zitieren. Auf dem Deck tritt die Konstruktion zugunsten des öffentlichen Raums zurück, wirkt als tragendes Rückgrat im Hintergrund. Unterhalb jedoch entfalten sich die gespreizten Stützen skulptural und bilden ein charakteristisches Merkmal im Flussraum. Die Unterquerung der Brücke – etwa vom neu gestalteten Flussufer oder Boot aus – wird dadurch nicht zur bloßen Durchfahrt, sondern zu einer Lesbarkeit von Konstruktion, Statik und architektonischer Haltung. Die Brücke zeigt, wie Kräfte fließen – und sie tut es sichtbar.
Am östlichen Ende – auf der Seite der Altstadt – wird eine Rampentreppe vorgesehen, die verschiedene Bewegungsrichtungen kompakt bündelt: Ein kurzer, effizienter Weg für mobilitätseingeschränkte Personen in beide Neckarrichtungen wird hier ebenso ermöglicht wie ein struktureller Anschluss an die angrenzende Fußgängerzone. Die Rampenanlage auf der gegenüberliegenden Neckarseite (Rillingseite) wird konsequent bis auf HQ10-Niveau herabgeführt, sodass ein späterer Anschluss an ufernahe Promenaden – analog zur Konzeption im Bereich Rosenstein – problemlos möglich ist. Auch dies folgt der Idee: am Fluss, nicht über den Fluss zu flanieren.
Die Wilhelmsbrücke steht in diesem Entwurf exemplarisch für eine neue Art von Stadtinfrastruktur: Sie ist Brücke und Raum zugleich. Sie verbindet nicht nur Ufer und Stadtviertel, sondern auch Nutzungen, übersetzt konstruktive Herausforderung in Aufenthaltsqualität, landschaftliche Einbindung in bauliche Prägnanz.

Auslober: Stadt Stuttgart
Tragwerk: Peter und Lochner Beratende Ingeniuere für das Bauwesen GmbH
Verkehrsplanung: inros lackner se

Brücken, Öffentlicher Raum, Wettbewerb